G „“ N\
A BEN
® DIS
S |
EIN ZINE ZUR KONKRETEN ARBEIT MIT TRANSFORMATIVER GERECHTIGKEIT
FREIBURG IM OKTOBER 2021
Kleines Abkürzungs-Lexikon
bUmfeld: betroffenes Umfeld
bP: betroffene Personen
bP-K: betroffene Personen Kontakt
FLINTA*: Frauen, Lesben, inter und nicht-binäre Personen, trans
Männlichkeiten, Agender Personen und weitere, die sich
nicht als cis-dya Männer identifizieren
gaP: gewaltausübende Person
TAG: Transformative Arbeitsgruppe
TG: Transformative Gerechtigkeit
Inhaltsverzeichnis
1» Einle imo naked rasen 4
2. Sexualisierte Gewalt innerhalb der linken Szene...................cssss0sseeennsseeennneeeeennnen 4
3. Warum nicht einfach die Polizei rufen?................000002222seeeeeeeeeeenennnnnnnnnnnnnnnnennnnnnnnnn 5
4: Wasast denn. gerechte Strafe Pas RREisasnkesshs 6
5. Was ist Transformative Gerechtigkeit?.......uueeeeeesseeeessssnsenesssnnnennnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnenen 7
6. Die konkrete Struktur unseres TG-Prozesses.......ceeeeesessnnsnsseseeesnnnnenennnnenennnnnnnennnnen 8
7. Wir arbeiten nicht nur mit Definitionsmacht..................22222ssssseeeeeneenennnnnnneeeeennnnnn 15
8: Weltere: Infor NatIonen rer ee 17
Version:
1.1. Oktober 2021 Freiburg im Breisgau
Link zu dieser Broschüre:
https://archive.org/details/@tg_arbeit_freiburg
Creative Commons:
Alle Inhalte, soweit nicht anders markiert unter Creative Commons (Attribution-
NonCommercial-ShareAlike 4.0 International).
Eigentumsvorbehalt:
Nach diesem Eigentumsvorbehalt ist die Broschüre solange Eigentum des*der
Absender*in, bis sie der*m Gefangenen persönlich ausgehändigt wurde. »Zur-
Habe-Nahme« ist keine persönliche Aushändigung im Sinne dieses Vorbehaltes.
Wird die Broschüre der*m Gefangenen nicht persönlich ausgehändigt, ist sie
der*m Absender*in unter Angabe der Gründe für die Nichtaushändigung
zurückzusenden.
1. Einleitung
Seit nun schon einem Jahr (Text - Stand Herbst 2021) arbeiten wir in Freiburg im
Breisgau (DE) Fälle sexualisierter Gewalt auf, welche durch eine gewaltausübende
Person verübt wurden. Wir möchten uns jedoch auch damit auseinander setzen,
warum wir mit Transformativer Gerechtigkeit (TG) arbeiten und was das Konzept
dahinter ist und zugänglich machen, wie wir dies konkret umsetzen und mit was für
weiteren Fragestellungen und Auseinandersetzungen wir uns bei der Arbeit mit TG
konfrontiert sehen.
Wir, die Menschen, die diese Arbeit dabei gerade machen, beschreibt dabei etwa ein
Dutzend Menschen aus feministischen, emanzipatorischen Kreisen in der Stadt und
vor allem den sich überschneidenden Umfeldern von betroffenen Personen und der
gewaltausübenden Person.
Wir möchten uns jedoch nicht nur in unseren kleinen Kreisen damit auseinander
setzen, sondern zu einem szeneübergreifenden Diskurs beitragen, weshalb wir in
unregelmäßigen Abständen Texte veröffentlichen und nun dieses kleine Zine
herausbringen. Teile der Kapitel 3-5 haben wir mit freundlichem Abnicken beim
ignite! Kollektiv abgekupfert. Die Vorlage für den Gesprächsvorschlag beim 6.
Kapitel "Die konkrete Struktur..." haben wir von Awarenetz.ch bekommen und bei
dem Kapitel 7 "Wir arbeiten nicht nur mit Definitionsmacht" ging das Lesen des
Textes von e*space zum selben Thema und Gespräche mit Menschen von
Anarchists From The Block voraus. Bei dem Teil zu weiteren Informationen findet
ihr Links zu Gruppen und noch mehr Infos über inhaltliche Ressourcen, wenn ihr
noch tiefer in die Thematik eintauchen wollt.
Wenn ihr Fragen und Hinweise schreiben wollt, so könnt ihr euch an folgende Mail
wenden (schreibt gerne verschlüsselt, wenn‘s nicht geht auch okay):
transform_freiburg[atlimmerda[Punktjch
2. Sexualisierte Gewalt innerhalb der linken Szene
Dass es auch in emanzipatorischeren Räumen und Gruppen sexualisierte Gewalt
gibt, wurde schon oft thematisiert und sollte eigentlich leider keine Überraschung
mehr sein. Auch dieses Jahr wurden unzählige Male Übergriffe in Bars, auf
Festivals und in Wohnprojekten veröffentlicht. Sehr viele weitere Übergriffe
wurden nicht veröffentlicht und Unterstützungsarbeit und ein Versuch der
3
Aufarbeitung fanden (relativ) unsichtbar statt. Freiburg i.B. ist dabei natürlich keine
Ausnahme. In den letzten Jahren gab es immer wieder Versuche mit bekannt
gewordenen Übergriffen einen Umgang zu finden. Das fand jedoch abseits der
Öffentlichkeit statt und dafür gibt es auch gute Gründe, wie Schutz der betroffenen
Personen, Vermeidung von Gerüchten, etc.
Gleichzeitig kann es natürlich auch Austausch und Vernetzung sowie
Sichtbarmachung der herrschenden Gewalt erschweren. Daher wollen wir mit
diesem Text transparent machen, dass derzeit ein Versuch stattfindet, mit
geschehener sexualisierter Gewalt in unseren Zusammenhängen bzw. unserer
Community mit dem Konzept Transformativer Gerechtigkeit umzugehen. Was
passiert ist, wer beteiligt ist, etc. soll nicht an die Öffentlichkeit dringen. Also streut
keine Gerüchte, macht keine Mutmaßungen. Überlegt euch eigene Konzepte, wie
ihr mit zwischenmenschlicher Gewalt in euren Zusammenhängen umgeht und
umgehen wollt. Das ist keine Kritik an anderen, die stattfindende Prozesse nicht
veröffentlichen, es soll erklären, warum wir diesen Schritt hier wählen.
3. Warum nicht einfach die Polizei rufen?
Wir glauben nicht daran, dass die Polizei und Justiz eine Lösung für patriarchale
Gewalt sind. Die Polizei zu rufen, ist nur für manche Menschen überhaupt eine
Möglichkeit. Für viele ist sie nur eine Bedrohung, z.B. People of Color, Queers,
Drogennutzer*innen, Sexarbeiter*innen, Menschen ohne festen Wohnsitz oder
legalen Aufenthaltstitel, kriminalisierte oder von der Polizei traumatisierte
Menschen. Zudem ist die Justiz nicht für betroffene Personen da, sondern soll nach
einem vorgeschriebenen Katalog gewaltausübende Personen bestrafen. Dabei
werden jedoch viele Formen sexualisierter und zwischenmenschlicher Gewalt
überhaupt nicht als solche anerkannt.
Recht schafft keine Gerechtigkeit, und schon gar keine Heilung von Gewalt
betroffener Personen und ihrer Gemeinschaften. Stattdessen bearbeitet die Justiz
Fälle von (sexualisierter) Gewalt nicht mehr als Konflikt der beteiligten
Akteur*innen, sondern als abstrakten Rechtskonflikt vertreten durch die
Staatsanwaltschaft, prüft einzig die Gegebenheit eines Straftatbestands, stellt dabei
die „Glaubwürdigkeit“ einzelner betroffener Personen zur Diskussion und erzwingt
im Laufe des Strafprozesses immer wieder Konfrontationen mit dem Geschehenen.
Statt den Fokus auf die Bedürfnisse der betroffenen Personen zu richten erfahren
diese unter den aktuellen prozessualen Rahmenbedingungen häufig
(Re-)Viktimisisierung und (Re-)Traumatisierungen. Der Rechtsstaat ist selbst eine
4
gewaltvolle, patriarchal-herrschaftliche Institution, welche z.B.
Geschlechterherrschaft und-binarität (re-)produziertt und zentraler Akteur
rassistischer Grenz- und Sicherheitsdiskurse ist. Zur (Wieder-)Herstellung von
Recht übt er wiederum Gewalt durch Strafe und einsperrende Institutionen aus. Wir
sind überzeugt, dass der Rechtsstaat daher kein Partner im Kampf gegen
(patriarchale) Gewalt sein kann.
Wir wollen Umgänge mit zwischenmenschlicher und sexualisierter Gewalt
entwickeln, die nicht nur (wenn überhaupt) für einige Privilegierte zur Verfügung
stehen. Wenn wir unsere Ressourcen auf staatliche Lösungen fokussieren, lassen
wir all die, die vom Staat ausgeschlossen und verfolgt werden im Stich. Daher
sehen wir in Ansätzen Transformativer Gerechtigkeit eine Möglichkeit Konzepte zu
entwickeln, die für alle offen stehen und auf Gemeinschaft, Empowerment und
Veränderung beruhen, statt auf Herrschaft.
4. Was ist denn "gerechte Strafe"?
Straflogik zieht sich so tief durch die Gesellschaft, dass sich Strafdynamiken auch
abseits des Staats manifestieren. Oft werden in Reaktion auf einzelne Fälle Formen
von Ausschlüssen gewaltausübender Personen als einzige Option gesehen. Sicher
können Ausschlüsse und z.B. die Aneignung konfrontativer Mittel gegen
gewaltausübende Personen wirk- und heilsam sein. Wenn nicht unterstützt von
anderen Formen von Bearbeitung bringen sie aber keine tatsächlich Autonomie und
(Wieder-)Aneignung von Handlungsmacht (agency), sondern verbleiben in
Abhängigkeit von der/den gewaltausübenden Person/en.
Kurz gesagt: Wir erleben immer wieder Reaktionen auf Gewalt, die in
Feuerwehrpolitik von Fall zu Fall arbeiten, ohne einen Schritt zurück zu machen,
um Strukturprobleme zu betrachten und Umgänge auch für diese zu suchen, sowie
die Fehlvorstellung, Strafe und Ausschlüsse würden Heilung versprechen und — aus
Hilflosigkeit oder autoritärem Strafbedürfnis — Rückgriffe auf Staat, Justiz und
Polizei. All das passiert immer wieder, weil es an Strukturen fehlt, die alternative
Erfahrungen zusammentragen und Handlungsmacht generieren, anbieten und teilen
können. Dazu wiederum möchten wir solidarisch beitragen.
Das heißt nicht, dass es nicht okay ist, wenn andere Ansätze scheitern und
gewaltausübende Personen und deren Umfelder eine Verantwortungsübernahme
verweigern, stattdessen Ausschlüsse zu fordern und zu erwirken. Dann steht für uns
aber ein Schutz betroffener Personen und eine Erhaltung unserer Gemeinschaften
b)
im Fokus und nicht Bestrafung. Außerdem glauben wir nicht, dass es damit möglich
ist, insgesamt dauerhaft etwas zu verändern. Insofern finden wir es wichtig, wenn
die Möglichkeit besteht, andere Konzepte zu entwickeln und eine Veränderung und
Überwindung der gewaltermöglichenden Zustände zu erreichen.
5. Was ist Transformative Gerechtigkeit?
Bereits in vorkolonialen Gemeinschaften gab es auf Heilung und
Wiedergutmachung angelegte, dezentrale Umgänge mit Konflikten innerhalb von
Gemeinschaften, z.B. Gacaca-Gerichte in Ruanda. Ende des 20. Jahrhunderts
entstanden in den USA innerhalb queerer und feministischer Communities of Color
Konzepte „Iransformativer Gerechtigkeit“ (TG) - Ideen, basierend auf Konzepten
restorativer Gerechtigkeit aus indigenen Communities. So wurden Alternativen zum
rassistischen und klassistischen Industriellen-Gefängnis-Komplex geschaffen. Dem
weißen bürgerlichen Mainstream-Feminismus wurde mit der radikalen und
intersektionalen Analyse struktureller Machtverhältnisse begegnet, um neue
Umgänge mit zwischenenmenschlicher Gewalt zu entwickeln, die nicht nur
wenigen privilegierten zur Verfügung stehen. Konkrete Vorschläge für die
Entwicklung solcher Konzepte bieten beispielsweise die Gruppen INCITE!, CARA
und Generation Five. INCITE!, ein Netzwerk radikaler Feminist_innen und Queers
of Color, beschreibt vier Grundpfeiler solcher Gemeinschaftsprozesse:
1. Kollektive Unterstützung, Sicherheit und Selbstbestimmung für betroffene
Personen;
2. Verantwortung und Verhaltensänderung der gewaltausübenden Person;
3. Entwicklung der Community hin zu Werten und Praktiken, die gegen Gewalt und
Unterdrückung gerichtet sind;
4. Strukturelle, politische Veränderungen der Bedingungen, die Gewalt
ermöglichen.
Seitdem wurde TG auch von anarchistischen Gruppen aufgenommen, dazu
geschrieben und TG-“Prozesse“ initiiert. TG ist dabei kein „Masterplan“, der im
Fall einzelner Übergriffe angewandt werden kann. Im deutschsprachigen Raum
existieren zudem verschiedenste Strukturen rund um Awarenessarbeit, Praxen des
Definitionsmacht-Konzepts, feministische Praxisliteratur, Organisierung zu
Kritischen Männlichkeiten, immer wieder queer_feministische Aktionen und
Interventionen.
In TG sehen wir allerdings einen strukturellen Rahmen, der bestehende Arbeit um
einige wichtige Handlungsfelder und Grundfragen ergänzt sowie einen Blick „über
den Tellerrand“ ermöglicht — hin zu transformative(re)n Formen von
Konfliktumgängen, Heilung, Wehrhaftigkeit und Resilienz. TG-Prozesse stellen
hohe Ansprüche an Reflexion und gemeinschaftliche Arbeit. Auch wenn sie
scheitern können, bedeutet TG für uns die Entscheidung gegen den Rückgriff auf
reaktionäre Institutionen, für Autonomie und Veränderung.
6. Die konkrete Struktur unseres TG-Prozesses
Die Information, dass von einer Person (im Nachfolgenden gaP genannt)
sexualisierte Gewalt ausgeübt wurde, haben ein, zwei Personen - nach Zustimmung
von den ihnen bekannten betroffenen Personen - an mehrere Leute in unseren
Umfeldern herangetragen. Dies war der Startschuss des Prozesses, in dem wir jetzt
gerade versuchen die betroffenen Personen (bP), sowie das betroffene Umfeld (bU)
zu unterstützen und auf der anderen Seite mit der gaP das Geschehene
aufzuarbeiten, sowie das Ganze als Lernprozess von allen in unserer Community zu
sehen und von dieser nicht abzukoppeln.
Nachdem verstreut Leute davon erfahren haben, blieb es leider an Einzelpersonen
(viele davon FLINTA*) hängen, die Information größerflächig und überlegt an das
persönliche und politische Umfeld der gaP heranzutragen. Ein transparenter und
sensibler Umgang mit solchen Informationen sollte unnötige Gerüchte vorbeugen,
Menschen für die Thematik sensibilisieren und dem allgemeinen, gesellschaftlichen
Umgang mit solchen Benennungen entgegenwirken — nämlich die gaP nicht durch
Verschweigen der Benennungen aus ihrer Verantwortung zu ziehen
(Täter*innenschutz begehen) und betroffenen Personen ihre Erfahrung nicht
abzusprechen, sondern ihnen glauben und sie unterstützen. Außerdem war zu dem
Zeitpunkt noch völlig offen, ob noch mehr Personen betroffen sind bzw. war uns
wichtig, betroffenen Personen eine Möglichkeit zu geben, Unterstützung aus der
Community zu erfahren bzw. sich die Informationen zu den Benennungen
einzuholen. In diesem Chaos und Stress hat es knapp über einen Monat gedauert bis
sich eine handvoll Menschen als Initiierungsgruppe zusammengetan haben, um
einen Überblick über die Informationsweitergabe, die Bedürfnisse von betroffenen
Personen und die Situation der gaP zu bekommen. Aus dieser Gruppe heraus wurde
sich eine Grundstruktur für einen TG-Prozess überlegt, welcher von betroffenen
Personen befürwortet worden war, sowie Menschen für die damit verbundenen
Aufgaben gesucht. Außerdem nahm diese Initiierungsgruppe sich Kommunikation
mit, Ansprechbarkeit für und Organisierung von Treffen für die Umfelder und
7
leer gg ORTEN — >
Umsello:! 8 Kt N |
| umtErstutz Täxerschut2- |
Endes Umso "arbeit |
— | | —
,—,— |, —
— | | | —
bP- Perspektive
zen \nı@r vision
Uhrer
Stu
°* 2.B.mie Emoldte rinersich
5 era)
Lv Konrakr anspr ecdnlar Mit
Feedback ve TR gulli el
Fame Feed back
Aus hR-terse®
Algo On
Nasprauhen
zwischen
r S nn
|
arbeit P+
mit
Sclidarische
cis Mann®r
Transformative
Gerechtigkeitsarbeit
- Ein Praxisbeispiel -
oaionale k
user egiomale
Vernerzundg
— 0
Mit Tor Prakaı?i Pr@nden
Pen Reslektion
N rg | Bildu N9 ia
In Texte ‚Inpurs en
N
PN
\
Organisiert Y \
NS x
\ Sta arskritische
feministische
\ Stro a Ungeh
\ %
Kommunikations \
plarrform Fur
Gemeinschaft \
. Uenerseite
C [
und a
RR y Felder)... -'
Soligruppe
Beteiligten zur Aufgabe. Bei diesen ersten TG-Plena, zu denen die gaP explizit
nicht eingeladen wurde, wurden Informationen zu TG generell und zu diesem Fall
speziell geteilt, Updates verbreitet, Raum für Fragen geöffnet, sowie Forderungen
und Bedürfnisse aus der Community, insbesondere von betroffenen Personen,
erfragt und versucht die anfallenden Aufgaben zu verteilen. Die Suche nach
Menschen für die jeweiligen Gruppen der TG-Arbeit hat mehrere Wochen und
mehrere, zu dem Zeitpunkt wöchentlich stattfindende TG-Plena gebraucht.
Es wurde ein Termin festgelegt, der auf zwei Monate nach Bekanntwerden der
Gewalt gesetzt wurde, um den formalen Beginn der TG-Arbeit zu symbolisieren
und die erste Initiierungs- und Informierenphase damit klar zu beenden. Ziel dieses
Datums war es auch die Initiierungsgruppe auflösen zu können und die Arbeit
damit langfristig auf mehr selbstgewähltes als plötzlich spontan notwendiges
Engagement zu legen und keine zentrale Anlaufstelle in der Struktur zu behalten,
also Hierarchien zu vermeiden. Bis zu den Treffen wurde versucht alle potenziell
betroffenen Personen und Menschen in den direkten Umfeldern über die
Gewaltbenennungen und Beginn einer Aufarbeitung zu informieren, um eventuell
weitere betroffene Personen die Möglichkeit zu geben, sich mit Forderungen und
Wünschen an den Prozess wenden zu können und die Bedürfnisse von bP,
betroffenem Umfeld und der Community abzuklären. Dies erwies sich als wichtiger
Schritt, da auf diese Weise weitere betroffene Personen Kontakt aufnehmen
konnten und bP und betroffenes Umfeld Wünsche und Forderungen stellen
konnten, bevor der Rahmen des Prozesses konkret ausformuliert worden war.
Zu dem Termin, an dem der formale Beginn der TG-Arbeit angedacht war, bereitete
die Initiierungsgruppe ein moderiertes / mediiertes Gespräch mit festen Ablauf vor.
Dabei war das Ziel die bisher bekannten Benennungen durch bP
zusammenzufassen, die Forderungen und Wünsche von bP und betroffenem
Umfeld zu klären, die Prozess-Struktur (welche Gruppen gibt es und wie sind deren
Aufgaben und Zusammenarbeit strukturiert) zu klären und dann die konkrete Arbeit
in den Gruppen strukturiert mit festen Absprachen zu beginnen.
Der grobe Ablauf des Gespräches war wie folgt:
1. Check In -— Runde und Vorstellung
(Name, Pronomen, sowie notieren der Anwesende)
2. Einführung durch Moderation
« Sprache klären > Glossar (Begriffserklärungen) rumgeben
° Zeitrahmen des Treffens: wer kann bis wann?
° Vertraulichkeit
° Protokoll wer schreibt das live?
« Rahmen schaffen, der angenehm ist.
10
Kritik soll geäußert werden, aber wenn möglich keine Anfeindungen.
Ablauf vorstellen — Abfrage, ob für alle okay
3. Updates und Vorstellung der Gruppen, Aufgaben, Beteiligten
Intervision
- TAG
« Klärung der Zusammenhänge der Beteiligten
[nicht protokolliert aus Sicherheits-Gründen]
> kennen sich schon alle? Wissenshierarchien abbauen und Zusammenhänge
soweit möglich erklären (kann auflockernd sein)
4. Definition der Ziele des heutigen Treffens
> Kommunikation untereinander sortieren; wer kommuniziert mit wem; wie
werden Wünschen kommuniziert; wie mit Intervision treffen, um TAG-Prozess von
außen reflektieren; wie oft trifft sich wer
« sich gegenüber sitzen und Gesichter sehen
« Transformativen Prozess anzufangen und sich drauf einzulassen
« klare Vorstellungen abstecken, was passieren soll, damit keine Missverständnisse
entstehen
Verhältnis TAG und Intervision klären
5. Perspektive von gaP
5.1. Definition der Gewalt-Vorfälle
> gaP erzählt unkommentiert, wird protokolliert
9.2. Was ist Ziel von gaP bei TG-Prozess
> gaP erzählt unkommentiert, wird protokolliert
6. Perspektive von bP
6.1. Definition Gewaltvorfälle der betroffenen Personen und Umfeld
> wird vorgelesen/ erzählt
6.2. Forderungen, Absprachen und Wünsche von betroffenen Personen und Umfeld
> vorher gesammelt
> Kann durch weitere Beteiligte vor Ort ergänzt werden
> Positionierung dazu sagen (bP, betroffenes Umfeld, gaP Umfeld, etc.)
7. Wünsche & Reaktion von gaP zu oben genannten Forderungen
> wird protokolliert
> geht nicht um Diskussion von Forderungen, sondern um zu wissen, wie gaP
damit in der Situation umgeht, um das später in TAG Arbeit thematisieren zu
können
- Commitment der gaP zu Forderungen und zum TG-Prozess einholen
8. Klärung von Fragen zu Forderungen etc.
9. TAG, Intervision, Unterstützungsgruppe / bP-Kontakt
+ eventuelle weitere Gruppen (Communtiy-Arbeitsgruppe, Soligruppen)
11
— Stellen jeweils angedachte Arbeitsweise, Aufgaben und Ziele vor
10. Zusammenfassung der Absprachen von bP und Umfeld und weiteres Vorgehen
11. Absprachen zu Arbeitsweisen und Kommunikation in TG-Prozess
> wer mit wem in Kontakt z.B. Delis und haben alle Kontakt zueinander, die es
brauchen?
— wie und wann wird untereinander kommuniziert
12. Zukunft des Prozesses
— definieren
— wann / wie soll Zwischenbilanz und Ende gefunden werden?
13. Commitment geben (vor allem gaP)
— alle sagen so etwas wie „Ich lasse mich auf die Arbeit in Gruppe X ein und gehe
verantwortungsvoll damit um“ etc.
14. Check Out-Runde
- Vorher Protokoll überfliegen & von allen drüber gelesen (So sollen
Missverständnisse und die Situation verhindert werden, dass im Nachhinein
Beteiligte behaupten können, «es war nicht ganz so» etc. Alle sollen von denselben
Wünschen und Absprachen ausgehen.)
> Check out
An dem Treffen nahmen Menschen teil, die sich die Arbeit mit der gaP vorstellen
konnten, Menschen, die sich zur Intervisionsgruppe (später erklärt)
zusammenschlossen, eine Ansprechperson für die Community-Arbeit und die gaP
selbst. Dabei waren vor dem Treffen die aktuellen Benennungen, Forderungen und
Wünsche von betroffenen Personen und Umfeld - vom gerade entstehenden
betroffene Personen-Kontakt zusammengetragen - eingeholt worden und der
Verlauf des Treffens abgeklärt. Bei dem Treffen wurden auch die Ziele und Ideen
der gaP für den TG-Prozess, sowie deren Version der Benennungen protokolliert,
um damit später in der Aufarbeitung eine Basis zu haben.
Auch als die Struktur dann grob stand, war es sehr viel Organisatorisches zu klären,
ehe inhaltlich in dem Prozess gearbeitet werden konnte.
Im Zentrum des Prozessen stehen drei Gruppen, während es aber auch noch
mehrere weitere Gruppen darum herum gibt:
1. Einmal gibt es die "bP-Kontakt"-Gruppe (bP-K), welche mit den betroffenen
Personen und dem betroffen Umfeld im Austausch steht und die deren Forderungen
und Wünsche in den Prozess trägt und Feedback aus Perspektive der betroffenen
Personen an die Arbeit der "Transformative Arbeits Gruppe" (TAG) weiterleitet.
12
2. Dann gibt es die "Transformative Arbeits Gruppe“ (TAG), welche mit der gaP die
Fälle sexualisierter Gewalt aufarbeitet und guckt, dass Absprachen eingehalten
werden und die außerdem die Perspekive der gaP in dem Prozess vertreten, also
z.B. inwieweit es funktionieren kann, dass die gaP weiter ein Teil der Gemeinschaft
bleiben kann, während die Bedürfnisse von betroffenen Personen respektiert
werden. Außerdem reflektiert die TAG mit der gaP deren Verhaltensmuster, damit
in Zukunft keine Grenzüberschreitungen mehr stattfinden.
3. Die dritte Hauptgruppe in dem Prozess ist die "Intervision" (Intervis), welche
sich irgendwo in der Mitte zwischen allen Gruppen versteht und versucht den
Überblick zu behalten, den Prozess generell zu reflektieren, sich mehr in
verschiedene Spannungsfelder von TG rein zu arbeiten und die gewonnenen
Erkenntnisse in den Prozess rein zu tragen, sowie zu versuchen die Gemeinschaft
drum herum nicht aus den Augen zu verlieren und mit regelmäßigen TG-Plena den
Prozess so transparent wie möglich zu gestalten. Auch vernetzt sich die Intervis mit
anderen Gruppen, die zu TG arbeiten und schaut, wie das Thema mehr in die
Gesellschaft generell getragen werden kann.
Intervision ist angelehnt an Supervision, aber weniger hierarchisch gedacht (super =
von oben). Supervision wird in der Psychologie und in Organisationen verwendet,
um gegenseitige (fachliche) Beratung, Klärung von Konflikten, Reflektion und
Thematisierung von zwischenmenschlichen Dynamiken zu ermöglichen. Wir
benutzen den Begriff Intervision für eine Gruppe, die innerhalb des TG Prozesses
Raum bieten soll, um regelmäßig im Prozess einen Blick über den Tellerrand zu
erlangen, eine intersektionale feministische Perspektive nicht aus den Augen zu
verlieren und innerhalb der Beteiligten Dynamiken, Care-Bedürfnisse und
Arbeitsverteilung, etc. sichtbar und besprechbar zu machen. Konkret passiert das in
regelmäßigen Treffen mit der TAG und bP-Kontakt, bei denen gemeinsam das
aktuelle Geschehen besprochen wird und längerfristige Ziele entwickelt und geprüft
werden. Zudem kann inhaltlichen Diskussionen Raum gegeben werden und
eventuell entstehende Probleme (Überarbeitung, Überfokussierung auf gaP, bP
Vernachläsigung, ...) gemeinsam besprochen und nach Umgängen und Lösungen
gesucht werden.
Drum herum gibt es dann noch eine Soligruppe für die bP-Perspektive, welche
betroffene Personen und den bP-Kontakt bei Bedarf mit Emo- und Care-Arbeit
unterstützt, außerdem eine generelle Soligruppe, welche den Prozess z.B. dadurch
unterstützt, indem bei Plena von einzelnen Gruppen Essen gekocht wird, Räume
organisiert werden, etc. und somit der Prozess gemeinschaftlicher mitgetragen
werden kann, auch wenn vielleicht nicht alle Lust haben sich inhaltlich damit
auseinanderzusetzen. Außerdem gibt es eine solidarische Organisierung von cis
13
Männern, bei der auch die gaP ein Teil der Gruppe ist und die sich kritisch mit ihrer
eigenen Männlichkeit und patriarchalen Sozialisierung auseinandersetzen. Da es in
diesem konkreten Beispiel auch betroffene Personen an einem anderen Ort gibt,
gibt es an diesem anderen Ort außerdem eine informelle Struktur, die betroffene
Personen unterstützt und eine Gruppe, die sich mit an diesem Ort erfolgten
Täter*innenschutz auseinandersetzt.
Bei der Entstehung des TG-Prozesses und der Entwicklung der Struktur standen
und stehen für uns eine Zentrierung betroffener Personen im Fokus. Dies gilt auch
für die inhaltliche Arbeit. Dabei bieten uns die Konzepte Definitionsmacht und
Handlungsmacht zwei grundsätzliche Werkzeuge, an denen wir uns in der
alltäglichen Arbeit orientieren.
7. Wir arbeiten nicht nur mit Definitionsmacht
Unser kollektiver Umgang mit sexualisierter Gewalt ist zuallererst auf betroffene
Personen und ihre Perspektive ausgerichtet. Das heißt, dass wir die Definition
betroffener Personen zu dem, was diese als Grenzüberschreitung, sexualisierte
Gewalt etc. erlebt haben, nicht hinterfragen, anzweifeln oder
bagatellisieren/kleinreden. Das heißt auch, dass ob du betroffen bist oder nicht, du
allein entscheidest. Diese Definitionsmacht (DefMa) spielt eine wichtige Rolle in
der Aufarbeitung der Gewalthandlungen der gewaltausübenden Person in der TAG,
aber ist auch ein feministischer Grundpfeiler, der Entscheidungen und Prioritäten in
unserem TG-Prozess generell prägt. Das Konzept wurde in jahrzentelangen
feministischen Kämpfen als Antwort auf Rape Culture und dem Anzweifeln und
Nicht-Zuhören gegenüber betroffenen Personen, entwickelt und ist daher eine
wichtige solidarische Antwort im Umgang mit vor allem sexualisierter und intimer
Gewalt.
Doch aus diesem Konzept folgt noch mehr, denn wenn betroffene Personen eine
Grenzüberschreitung benannt haben (DefMa), besitzen sie auch eine
Handlungsmacht (HaMa). Das soll den Umgang mit Konsequenzen eines
sexualisierten Übergriffs beschreiben, bei dem bP z.B. von der gaP fordern können,
keinen Kontakt mehr aufzunehmen, sich in bestimmten kollektiven Räumen (für
einen bestimmten Zeitraum oder allgemein) nicht mehr aufzuhalten oder einen
Aufarbeitungsprozess zu starten. HaMa beschreibt aber auch, dass (nicht wie bei
DefMa) diese Forderungen und Wünsche solidarisch-kritisch diskutiert und
hinterfragt werden können. Hier spielt Intersektionalität, also das Mitdenken von
verschiedensten (Mehrfach-)Diskriminierungen und Positionierungen der
14
Beteiligten, sowie die Verteilung von Ressourcen und Machtverhältnissen mit rein.
Wenn beispielsweise die gaP finanziell sehr schlecht da steht, sollte das bei der
Frage zu finanziellen Forderungen mitgedacht werden, genauso wie auch
Forderungen an eine gaP nicht transfeindliche oder rassistische Gewalt
(re)produzieren sollte. Wir müssen also nicht alles gut finden, was bP fordern oder
wollen, handeln letzteren gegenüber aber solidarisch und versuchen ihre
Bedürfnisse in den Mittelpunkt der Arbeit zu stellen. Diese Zentrierung heißt auch,
dass ohne die Zustimmung der bP nicht gehandelt wird, z.B. Informationen
veröffentlicht werden, keine Leute die gaP konfrontieren, ohne dass bP das wollen,
etc.
Wir respektieren Entscheidungen, die bP selbst betreffen, z.B. inwiefern sich bP in
einem Aufarbeitungsprozess beteiligen wollen, und versuchen sie nicht zu
bevormunden - denn bP wissen selbst am besten, was sie brauchen. Betroffenheit
kann sehr unterschiedlich aussehen. Um diese Formen besser unterscheiden zu
können, sprechen wir z.B. auch von betroffenen Umfeldern oder Co-Betroffenheit.
Ersteres beschreibt, dass auch wenn du von der gaP selber keinen Übergriff
erfahren hast, du dich als Teil des sozialen Umfelds betroffen fühlen kannst und
beispielsweise die gaP erst mal nicht mehr sehen willst. Co-Betroffenheit soll
heißen, dass du z.B. als Mitbewohni in einem Fall von häuslicher Gewalt in deiner
WG auch betroffen sein kannst, du aber nicht die zentrale Person für den weiteren
Umgang mit der Situation bist, sondern eben mit-betroffen.
Beim staatlichen und gesellschaftlichen Umgang mit sexualisierter Gewalt hat sich
leider wenig geändert. Der juristische Weg bei intimer Gewalt steht vielen nicht
offen (z.B. wegen prekärem Aufenthaltstitel, ..) und bringt den betroffenen
Personen meist vor allem retraumatisierende Erlebnisse bei Polizei und Justiz. Und
auch wenn es zu einer (extrem seltenen) Verurteilung kommt, stehen dabei nicht die
Bedürfnisse betroffener Personen im Fokus, sondern das staatliche Strafprinzip.
Aus diesem Grund wollen wir bei unseren Umgängen mit zwischenmenschlicher
Gewalt das Absprechen von Glaubwürdigkeit verhindern durch das Prinzip von
DefMa bei Benennungen, die Bedürfnisse, Handlungsmacht, Sicherheit und
Empowerment von betroffenen Personen in den Fokus stellen, statt einer veralteten
Straflogik zu folgen, die nicht in der Lage ist und auch nicht dafür gemacht,
patriarchale Strukturen in Staat und Gesellschaft zu ändern oder das Verhalten
gewaltausübender Person zu transformieren.
Es ist ein langer Weg, wenn wir patriarchale Gewalt überwinden wollen. Aber es ist
nicht zu versuchen, oder dem Staat zu überlassen, bedeutet die
Kompliz*innenschaft mit einem patriarchalen und rassistischen System. Wir wollen
Handeln und verantwortungsvollere Gemeinschaften aufbauen, macht mit!
15
Weitere Informationen
Zu Konsens:
« Poster: defma Unterstützer_inenngruppe „Das Konsensprinzip, Nein
heißt Nein“ http://defma.blogsport.de/images/dt v2 2 p.pdf [de]
° Zine: Konsens lernen, konsenslernen.noblogs.org/ [de, en]
Zu Sexismus, sexualisierter Gewalt und Männlichkeit:
Zine: Dismantling the boys club,
https://infotisch.noblogs.org/files/2018/11/Dismantling.pdf [de]
Listen: „30 cis-Privilegien“ und „Tägliche Auswirkungen von Hetero-
Privilegien“, http://queertopia.blogsport.de/material/ [de, en]
° Zine: Lieber Glitzer: Was Sexismus In Szenä?!,
https://archive.org/details/de BroschuereWasSexismusInSzenae [de]
« Zine: Kompass — Gegen sexualisierte Gewalt, für einen besseren Alltag,
http://unterstuetzerinneninfo.blogsport.de/images/KompassonlineeinfacheDru
ckversion.pdf [de]
Zu Rassismus, weißer Vorherrschaft und Abolitionismus:
Toolkit: Critical Resistance. Abolitionist Ressources,
http://criticalresistance.org/resources/ [en]
Listen: „Checkliste: Christliche Privilegien“ und „Tägliche Auswirkungen
von weißen Privilegen“ , https://awarenetz.ch/material/ [de, en]
° Artikel: „Race and Community Accountability“ von Qui Dorian Alexander,
https://www.thefeministwire.com/2013/04/race-and-community-
accountability/ [en]
Zu Transformativer Gerechtigkeit:
- Zine: „Das Risiko wagen“ Transformative Justice Kollektiv,
https://archive.org/details/dasrisikowagen [de, en, tr]
« Zine: Transformative Arbeit: Gedanken über gemeinschaftliche Hilfe
in Fällen von intimer Gewalt,
http://transformation.blogsport.de/images/TransformativeHilfe.pdf [de]
Websites von Gruppen, die zu TG arbeiten:
° anarchistsfromtheblock.blackblogs.org
° awarenetz.ch
° ignite.blackblogs.org/material
° transformativejustice.eu